lostKIDz | 11. Januar 2026 | 0 Comments

Identität und Rollenflucht

1. Einleitung

Die Entwicklung einer stabilen Identität ist eine zentrale Aufgabe in der Adoleszenz und jungen Erwachsenenphase. Identität beschreibt dabei das Selbstbild einer Person, ihre Werte, Überzeugungen, Lebensziele, Rollenverständnisse und die Fähigkeit, diese zu integrieren und kohärent darzustellen. Fehlt diese innere Kohärenz, spricht man von Identitätsdiffusion. Menschen mit diffuser Identität erleben häufig Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, innere Leere und eine erhöhte Anfälligkeit für psychische Probleme.

Eine weit verbreitete Reaktion auf fehlende Identität ist die Flucht in Rollen. Rollen können kurzfristig Sicherheit, Anerkennung und Orientierung bieten, langfristig jedoch die Entwicklung eines kohärenten Selbst verhindern und psychische Störungen begünstigen. Rollenflucht ist sowohl Symptom der Identitätsdiffusion als auch ein verstärkender Faktor für seelische Probleme.

2. Identitätsdiffusion: Definition und theoretischer Hintergrund

2.1 Definition

Identitätsdiffusion bezeichnet einen Zustand, in dem das Selbstbild einer Person instabil, unklar oder widersprüchlich ist. Betroffene haben Schwierigkeiten, eigene Werte, Überzeugungen, Lebensziele oder soziale Rollen zu erkennen und zu integrieren. Sie zeigen oft:

  • Unbeständiges Verhalten in unterschiedlichen sozialen Situationen
  • Orientierungslosigkeit und innere Leere
  • Abhängigkeit von Rückmeldungen anderer für Selbstwert
  • Schwierigkeiten bei Entscheidungen und Zielsetzung

2.2 Eriksons psychosoziale Theorie

Erik H. Erikson (1968) beschreibt die Adoleszenz als eine kritische Phase der Identitätsentwicklung. Jugendliche stehen zwischen Identitätsbildung und Rollendiffusion.

  • Erfolgreiche Identitätsbildung: Entwicklung eines kohärenten Selbst, klare Rollenverständnisse, Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und Zielverfolgung.
  • Rollendiffusion / Identitätsdiffusion: Orientierungslosigkeit, inkonsistente Rollen, unsicheres Selbstbild, fehlende langfristige Perspektive.

Die Rollendiffusion zeigt sich häufig darin, dass Jugendliche verschiedene Rollen ausprobieren, sich anpassen oder widersprüchliche Rollen annehmen, ohne eine stabile Identität zu entwickeln.

2.3 Marcias Identitätsstatus

James Marcia (1980) differenzierte die Identitätsentwicklung anhand von zwei Dimensionen: Exploration (aktive Auseinandersetzung mit Rollen und Werten) und Verpflichtung (Bindung an bestimmte Werte, Rollen oder Lebensziele). Daraus ergeben sich vier Status:

  1. Identitätsdiffusion: Keine Exploration, keine Verpflichtung. Die Person weiß nicht, wer sie ist, vermeidet Entscheidungen und Verantwortung.
  2. Moratorium: Intensive Exploration, keine feste Bindung. Die Person prüft Rollen und Werte aktiv, ohne sich festzulegen.
  3. Übernommene Identität: Feste Bindung, ohne eigene Exploration. Werte und Rollen werden von anderen übernommen (z. B. Eltern oder Gesellschaft).
  4. Erarbeitete Identität: Exploration abgeschlossen, feste Bindung an eigene Werte und Rollen.

Identitätsdiffusion gilt als problematisch, weil die Person keine Verantwortung übernimmt, leicht manipulierbar ist, Anpassung sucht und häufig in Rollenflucht gerät.

3. Ursachen der Identitätsdiffusion

Identitätsdiffusion entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:

3.1 Familiäre Faktoren

  • Unsichere oder instabile Bindungen
  • Inkonsistente oder überbehütende Erziehung
  • Emotionale Vernachlässigung, Missbrauch oder fehlende Unterstützung

3.2 Gesellschaftliche Faktoren

  • Leistungs- und Konkurrenzdruck
  • Widersprüchliche soziale Normen
  • Fehlende Perspektiven und Anerkennung
  • Mangelnde soziale Integration

3.3 Individuelle Faktoren

  • Persönlichkeitsmerkmale wie hohe Ängstlichkeit oder geringe Resilienz
  • Traumatische Erfahrungen in der Kindheit
  • Chronische Überforderung oder Vernachlässigung von Selbstreflexion

4. Rollenflucht: Mechanismus, Erscheinungsformen und Funktion

4.1 Definition und Mechanismus

Rollenflucht beschreibt den Versuch, fehlende Identität durch Rollen zu kompensieren. Rollen dienen als Masken:

  • Orientierung: Rollen definieren, wie man sich verhalten soll
  • Anerkennung: Rollen erfüllen soziale Erwartungen und erzeugen Bestätigung
  • Schutz: Rollen verdecken innere Unsicherheit, Leere und Selbstzweifel

Betroffene „spielen“ Rollen, um inneren Druck, Unsicherheit oder Ablehnung zu vermeiden, ohne ein kohärentes Selbst aufzubauen.

4.2 Typische Rollenfluchten

  • Der Anpasser: Passt sich Erwartungen an, ohne eigene Interessen zu erkennen
  • Der Rebell: Übernimmt extreme Rollen, um Aufmerksamkeit zu erlangen oder Abgrenzung zu schaffen
  • Der Perfektionist: Flucht in Leistung und Kontrolle, um innere Leere zu kompensieren
  • Der Hedonist / Abenteurer: Sucht Ablenkung, Risiko oder ständige Veränderung, um Leere zu überdecken

4.3 Rollenflucht als Symptom und Verstärker

  • Symptom: Rollenflucht zeigt die instabile Identität und Unsicherheit
  • Verstärker / Ursache: Dauerhafte Rollenflucht verhindert die Entwicklung eines kohärenten Selbst, verstärkt Unsicherheit und innere Leere, und begünstigt psychische Störungen

5. Psychische Störungen im Zusammenhang mit Rollenflucht

Rollenflucht kann psychische Störungen auslösen oder verstärken. Zu den häufigsten gehören:

5.1 Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)

  • Kernproblem: Instabile Identität
  • Rollenflucht dient als Schutzmechanismus, hält jedoch die Instabilität aufrecht
  • Symptome: impulsives Verhalten, instabile Beziehungen, extreme Stimmungsschwankungen
  • Rollenflucht verstärkt diese Symptome, ist aber nicht die alleinige Ursache; BPS entsteht durch Kombination aus biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren (Kernberg, 2016)

5.2 Depression

  • Innere Leere, fehlendes Selbstbild und Orientierungslosigkeit führen zu Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit
  • Dauerhafte Rollenflucht verstärkt das Gefühl der Leere und Ineffektivität

5.3 Angststörungen

  • Soziale Ängste und generalisierte Ängste entstehen durch Unsicherheit in sozialen Situationen und fehlendes stabiles Selbst
  • Rollenflucht verstärkt die Abhängigkeit von äußeren Bestätigungen

5.4 Substanzmissbrauch

  • Versuch, innere Leere und Unsicherheit durch Drogen, Alkohol oder riskantes Verhalten zu kompensieren
  • Typisch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit chronischer Rollenflucht

5.5 Weitere Persönlichkeitsstörungen

  • Narzisstische Tendenzen: Rollen dienen zur Maskierung des fragilen Selbst
  • Abhängige / vermeidende Züge: Rollen dienen der Flucht vor Verantwortung oder Nähe

6. Dynamik: Rollenflucht als Teufelskreis

Rollenflucht kann einen Teufelskreis erzeugen:

  1. Instabile Identität → innere Leere
  2. Flucht in Rollen → kurzfristige Orientierung / Anerkennung
  3. Rollen werden zur Hauptbewältigungsstrategie → Selbstbild bleibt diffus
  4. Verstärkung von Depression, Angst, Impulsivität, Beziehungsproblemen
  5. Weitere Rollenflucht oder riskantes Verhalten → Teufelskreis bleibt bestehen

7. Intervention und Förderung der Identitätsentwicklung

  • Exploration fördern: Verschiedene Rollen, Werte und Lebenswege bewusst ausprobieren
  • Selbstreflexion stärken: Therapeutische Ansätze wie Gesprächstherapie, Coaching oder Rollenspiele
  • Verantwortung und Entscheidungen trainieren: Aufbau eines kohärenten Selbstgefühls
  • Soziale Unterstützung: Familie, Peers, Mentoren geben Orientierung und Rückmeldung
  • Spezialisierte Therapie bei schweren Fällen: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) bei Borderline, Trauma-gestützte Therapie

8. Zusammenfassung

Bei einer Identitätsdiffusion hat ein Mensch kein stabiles, kohärentes Selbst. Werte, Ziele und Rollen sind unklar oder widersprüchlich. Die Rollenflucht ist ein Mechanismus, um diese Unsicherheit kurzfristig zu kompensieren. Man „spielt“ Rollen, um Orientierung, Anerkennung oder Schutz zu bekommen, ohne das innere Selbst wirklich zu klären. Rollenflucht verschiebt das Problem nur nach außen – sie bekämpft nicht die innere Unsicherheit, sondern maskiert sie lediglich. Die Identitätsdiffusion wird aufrechterhalten oder sogar verstärkt, weil das innere Selbst nicht aktiv aufgebaut oder reflektiert wird.

9. Was nun -Strategien?!

9.1 Selbstreflexion und Bewusstwerdung

  • Tagebuch führen oder Gedanken aufschreiben: Wer bin ich? Welche Werte sind mir wichtig?

  • Reflexion über Entscheidungen: „Triff ich diese Wahl, weil ich es will, oder weil die Rolle es vorgibt?“

9.2 Rollen bewusst testen statt flüchten

  • Rollen ausprobieren, um eigene Interessen zu erkennen (z. B. ehrenamtliche Tätigkeiten, neue Hobbys)

  • Nach jedem Ausprobieren reflektieren: „Fühlt sich diese Rolle echt an oder ist es nur eine Maske?“

9.3 Therapeutische Unterstützung

  • Gesprächstherapie oder Coaching, um Selbstbild zu klären

  • Spezialisierte Ansätze bei starker Diffusion oder Persönlichkeitsstörung (z. B. DBT bei Borderline)

9.4 Soziale Unterstützung

  • Menschen suchen, die ehrliches Feedback geben

  • Rollenwechsel nicht als Leistungszwang, sondern als Experiment sehen

9.5 Kleine Schritte

  • Keine sofortige „fertige Identität“ erwarten

  • Kontinuierliche Reflexion und Verantwortung für Entscheidungen übernehmen

  1. Erikson, E. H. (1968). Identity: Youth and crisis. New York: W. W. Norton & Company.

  2. Marcia, J. E. (1980). Identity in adolescence. In J. Adelson (Ed.), Handbook of adolescent psychology (pp. 159–187). New York: Wiley.

  3. Kroger, J. (2007). Identity development: Adolescence through adulthood. Thousand Oaks, CA: Sage.

  4. Kernberg, O. F. (2016). Borderline Conditions and Pathological Narcissism. Washington: American Psychiatric Publishing.

  5. Waterman, A. S. (1999). Identity, the identity statuses, and the development of ego identity. Thousand Oaks, CA: Sage.

  6. Zanarini, M. C. et al. (2003). The longitudinal course of borderline psychopathology: 6-year prospective follow-up of patients with BPD. Journal of Personality Disorders, 17(5), 1–22.

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