lostKIDz | 16. August 2025 | 0 Comments

Einzel- oder Systemtherapie?

An konfliktbehaftete Trennungen schließen sich für Kinder und auch Elternteile oft langwierige psychologische Interventionen an, die traditionell im Einzelsetting durchgeführt werden. Mit dem Ergebnis, dass sich die Situation für die Betroffenen nicht verbessert. Warum ist das so?

1. Grundproblem: Loyalitätskonflikt

Kinder, die den Kontakt zu einem Elternteil nach einer Trennung verlieren, befinden sich immer in einem massiven Loyalitätskonflikt.

  • Wenn sie in Einzeltherapie gehen, werden sie fast immer indirekt danach bewertet, wie sie über Mutter oder Vater sprechen.
  • Das Kind hat oft Angst, dass seine Aussagen gegen den „abgelehnten“ Elternteil oder auch gegen den „bevorzugten“ Elternteil verwendet werden.
  • Viele Kinder fühlen sich dadurch nicht frei, in der Therapie ehrlich zu sprechen. Sie haben Angst.

2. Verzerrte Wahrnehmung / Übernommene Narrative

Entfremdete Kinder übernehmen meist die Erzählung des betreuenden Elternteils und des weiteren Umfelds.

  • In einer Einzeltherapie „erzählen“, sie oft unbewusst diese Narrative nach.
  • Ein Therapeut ohne tiefes Wissen über Eltern-Kind-Entfremdung läuft Gefahr, diese Sicht zu verstärken, statt das Kind in seiner eigenen Bindungsgeschichte zu stärken.

3. Gefahr der Retraumatisierung

Die Therapie ist für das Kind oft eine unterschwellige Zwangssituation, die es im inneren nicht wünscht, sich aber nicht traut dies auszudrücken.

  • Das verstärkt die Angst und den Druck auf das Kind
  • Statt Entlastung erfährt das Kind zusätzliche Belastung.

4. Systemische Dimension

Entfremdung ist kein individuelles „Problem“ des Kindes, sondern ein Beziehungs- und Familiensystemproblem.

  • Einzeltherapie ist ein individueller Ansatz.
  • Sie kann aber nicht die Dynamik heilen, die in einem Dreiecksverhältnis (Kind – Elternteil A – Elternteil B) entsteht.
  • Deshalb braucht es in solchen Fällen familienorientierte Interventionen, nicht nur Einzelsettings.

5. Fehlen von Spezialwissen

Viele Kinder- und Jugendtherapeuten sind im klassischen Bereich ausgebildet (z. B. Trauma, ADHS, Depression).

  • Eltern-Kind-Entfremdung ist aber hochspezialisiert.
  • Falsches Vorgehen (z. B. Stärkung der einseitigen Ablehnung) kann die Entfremdung zementieren.

    Fazit: Einzeltherapie richtet bei Trennungskonflikten und Kontaktabbrüchen oft mehr Schaden an, weil sie nicht ganzheitlich Menschen und Familiensysteme begreift, sondern isoliert. Der Komplexität wird die Therapie nicht gerecht. Deswegen ist sie in dem Kontext kontrainduziert.

    Diese Fakten unterstützen weitere Beiträge:

    1. Europäische Fachpraxis – Systemische Familientherapie empfohlen

    Die European Association of Parental Alienation Practitioners betont klar: Standardtherapien – auch generische Familien- oder Einzeltherapien – sind weitgehend unwirksam und in manchen Fällen kontraindiziert bei Kontaktabbrüchen zu einem Elternteil nach Trennung der Eltern. Studien zeigen, dass solche Ansätze oft scheitern oder die Entfremdung sogar verstärken parentalalienationeurope.

    2. Psychiatric Times – PA-spezifische Behandlung erforderlich

    In schweren Fällen ist laut Psychiatric Times ein gezieltes Protokoll nötig: Entzug des Kindes aus dem Einfluss des entfremdenden Elternteils, geregelte Reunifikation mit dem anderen Elternteil, parallele Therapie der beteiligten Eltern und der Bezugsperson sowie intensive Abstimmung zwischen den Therapeuten Psychiatric Times+1. Eine reine Einzel- oder Familien-Therapie ohne solch systemische Maßnahmen sei ineffektiv und verfehlt wichtige Dynamiken.

    3. Psychology Today – Risiko durch Unwissenheit

    Viele Therapieansätze scheitern allein schon daran, dass nur wenige Fachkräfte ausreichend über Parental Alienation informiert sind. Durch fehlende Sensibilität können Therapeuten unbeabsichtigt die entfremdende Haltung des Kindes verstärken, statt sie zu hinterfragen Psychology Today.

    4. Loretta Maase – Konventionelle Therapie oft schädlich

    Laut Maase sind traditionelle Therapieansätze bei mäßiger bis schwerer Entfremdung nicht nur wirkungslos, sondern oft schädlich. Sie verhindern notwendige Schutzmaßnahmen, fördern unreflektierte Loyalitäten und halten Kinder in der entfremdenden Dynamik gefangen lorettamaase.com.

    5. Taylor & Francis – Systemische und altersspezifische Interventionen notwendig

    Eine wissenschaftliche Übersicht beschreibt: Bei schweren Fällen ist es nahezu unmöglich, ein Kind gezielt wieder für die Beziehung mit dem entfremdeten Elternteil zu öffnen, solange es in der Obhut des entfremdenden Elternteils bleibt. Modifizierte, systemische Ansätze nach einem Wechsel des Sorgerechts können sinnvoll sein; klassische Familientherapie alleine reicht nicht Taylor & Francis.


    Nebenquellen zur Ergänzung

    • Verywell Mind listet zwar auch Einzel- und Familientherapie auf, betont aber, dass in Fällen elterlicher Entfremdung ein breitgefächerter Ansatz inklusive Mediation, Elternprogramme, juristischer Unterstützung und Gruppenhilfen geboten ist Verywell Mind.

    Warum also keine Einzeltherapie – kurz zusammengefasst:

    Problem Erklärung
    Loyalitäts- und Wahrnehmungsverzerrung Kinder übernehmen oft einseitige Narrative. Einzeltherapie  bestätigt diese, anstatt diese aufzulösen.
    Systemische Dimension Entfremdung ist ein relationales Problem. Die Dynamik im Familiensystem muss adressiert werden.
    Fehlende Expertise Einige Therapeuten verfügen über ein eingeschränktes Mentalisierungsvermögen. Expertise zu komplexen Verständnis von Kontaktabbruchdynamiken fehlt.
    Schutzbedarf In schweren Fällen ist eine Intervention von außen nötig – z. B. Entzug aus dem Einflussbereich des entfremdenden Elternteils. Dieser Schutzbedarf versagt meist komplett.
    Evidenzlage Forschung zeigt: Standardtherapien sind meist wirkungslos oder sogar schädlich in schweren Fällen – spezialisierte, zielgerichtete Modelle sind effektiver.

    Fazit

    Einzeltherapie kann in leichten Fällen unterstützend sein – aber bei moderater bis schwerer elterlicher Entfremdung, die am häufigsten vorliegt,  kommt es zu einem therapeutischen Totalausfall. Evidenzbasierte Forschung empfiehlt stattdessen Kontaktabbruch-spezifische, systemische Behandlungspläne, oft kombiniert mit juristischer Begleitung, Elternarbeit und, wo nötig, Schutzmaßnahmen zum Kindeswohl. Adäquate Schutzmaßnahmen bleiben aber seltene Ausnahmen. Oft werden diese nur durch persönliches und individuelles Engagement von Einzelpersonen.

    Die eigentlich stattfindenden Interventionen sind:

    🔑 1. Reunification Therapy (Wiederannäherungstherapie)

    • Ziel: vorsichtige, begleitete Wiederannäherung des Kindes an den entfremdeten Elternteil.
    • Struktur: Gemeinsame Sitzungen (Kind + entfremdeter Elternteil), oft erst nach Stabilisierung durch Gerichtsentscheidungen oder Schutzmaßnahmen.
    • Kritik & Grenzen: Funktioniert nicht, wenn das Kind weiter massiv dem Einfluss des entfremdenden Elternteils ausgesetzt ist. Wird daher oft nur nach einem vorübergehenden Sorgerechtswechsel erfolgreich eingesetzt.

    🔑 2. Family Bridges / Übergangsprogramme

    • Ein bekanntes Modell (Warshak, 2010).
    • Setting: Intensives, mehrtägiges Programm, bei dem Kinder in einer sicheren Umgebung gemeinsam mit dem entfremdeten Elternteil arbeiten.
    • Grundidee: Korrektur von kognitiven Verzerrungen (z. B. „Papa ist gefährlich“ → „Papa hat Fehler, aber er liebt mich“).
    • Wirksamkeit: Studien zeigen Verbesserungen in der Beziehung, aber nur bei mittlerer bis schwerer Entfremdung und wenn gerichtliche Anordnungen die Teilnahme absichern.

    🔑 3. Parenting Coordination (Elternkoordination)

    • Ein gerichtlich eingesetzter Fachmann begleitet Eltern über Monate/Jahre.
    • Aufgabe: Umsetzung von Sorgerechtsvereinbarungen, Deeskalation, Schutz des Kindes vor Manipulation.
    • Wertvoll: Besonders in chronisch hochkonflikthaften Fällen, wo Eltern jede Kleinigkeit vor Gericht austragen.

    🔑 4. Systemische Familientherapie (mit Spezialisierung auf Kontaktabbrüche)

    • Ziel: Das ganze System (Kind, beide Eltern, ggf. Großeltern) wird betrachtet.
    • Fokus:
      • Entlastung des Kindes aus Loyalitätskonflikten.
      • Förderung der Mentalisierung bei Eltern.
      • Aufdecken und Bearbeiten von destruktiven Mustern.
    • Voraussetzung: Beide Eltern sind grundsätzlich therapiebereit. Fehlt das, stößt die Methode schnell an Grenzen.

    🔑 5. Gerichtliche Schutzmaßnahmen + Therapie

    • In schweren Fällen: Einzelne Therapieformen reichen nicht.
    • Gerichte ordnen an:
      • Sorgerechtswechsel (zeitweise oder dauerhaft).
      • Kontaktverbote gegen entfremdenden Elternteil.
      • Begleitete Umgewöhnung mit therapeutischer Unterstützung.
    • Begründung: Nur so kann ein Kind aus dem psychischen Druck entlassen werden, bevor Therapie wirksam greifen kann.

    🔑 6. Unterstützende Verfahren

    • Elterntraining (z. B. „New Ways for Families“ von Bill Eddy): Fokus auf Kommunikation & Deeskalation.
    • Kindergruppen: Austausch mit anderen betroffenen Kindern → Normalisierung & Entlastung.
    • Traumatherapie (aber erst nach Klärung der Bindungssituation): Behandlung von Angst, Selbstwertproblemen oder psychosomatischen Beschwerden.

    🧭 Zentrale Erkenntnis

    • Leichte Entfremdung: Elternberatung, frühe Mediation, sanfte Reunifikation.
    • Mittlere Entfremdung: Strukturiertes Reunification-Setting, begleitete Kontakte, gerichtliche Absicherung.
    • Schwere Entfremdung: Meist gerichtliche Intervention + intensives Programm (z. B. Family Bridges) notwendig. Einzeltherapie ist hier nicht nur ineffektiv, sondern potentiell schädlich.

    In fast allen Fällen von Kontaktabbrüchen wurde und wird keine der Maßnahmen durchgesetzt. So werden Kindern und Elternteilen, die Kontaktabbrüche erleiden adäquate Hilfe vorenthalten. Es entsteht eine Gefährdung durch Unterlassen.

    Internationale Literatur zu Kontaktabbrüchen und Therapie

    1. Warshak, R. A. (2010).
      Family Bridges: Using insights from social science to reconnect parents and alienated children.
      Family Court Review, 48(1), 48–80.
      → Zeigt, dass Einzeltherapie bei entfremdeten Kindern meist unwirksam ist und
      systemische Re-Integrationsprogramme bessere Chancen haben.

    2. Fidler, B. J., Bala, N., & Saini, M. A. (2013).
      Children Who Resist Post-Separation Parental Contact: A Differential Approach for Legal and Mental Health
      Professionals.
      Oxford University Press.
      → Umfassendes Standardwerk. Betont, dass Einzeltherapie oft Loyalitätskonflikte verstärkt und eher schadet als
      hilft. Plädiert für differenzierte systemische Interventionen.

    3. Johnston, J. R., Walters, M. G., & Olesen, N. W. (2005).
      Is it alienating parenting, role reversal or child abuse? A study of children’s rejection of parents in divorce.
      Journal of Emotional Abuse, 5(4), 191–218.
      → Empirische Untersuchung: Einzeltherapie ohne Einbezug des Familiensystems führt häufig zu Verfestigung der
      Abbrüche
      .

    4. Kelly, J. B., & Johnston, J. R. (2001).
      The alienated child: A reformulation of parental alienation syndrome.
      Family Court Review, 39(3), 249–266.
      → Prägende Arbeit: spricht explizit gegen isolierte Einzeltherapie und empfiehlt
      familienorientierte Interventionen.

    5. Drozd, L. M., & Olesen, N. W. (2004).
      Is It Abuse, Alienation, and/or Estrangement? A Decision Tree.
      Journal of Child Custody, 1(3), 65–106.
      → Zeigt, wie therapeutische Fehlallianzen in Einzeltherapie Kontaktabbrüche stabilisieren können.


    📚 Deutschsprachige Literatur

    1. Schmid, H. (2016).
      Eltern-Kind-Entfremdung – Dynamiken, Diagnose, Intervention.
      Vandenhoeck & Ruprecht.
      → Kritisiert Einzeltherapie als „Scheinlösung“, da sie das Problem beim Kind lokalisiert und die
      systemische Beziehungsdynamik ausblendet.

    2. Brisch, K. H. (2019).
      Bindungsstörungen: Von der Bindungstheorie zur Therapie.
      Klett-Cotta.
      → Bindungstheoretische Perspektive: bei Kontaktabbrüchen ist dyadische oder triadische Therapie notwendig;
      Einzeltherapie kann Abwehrmechanismen verstärken.

    3. Kindler, H., Lillig, S., Blüml, H., Meysen, T., & Werner, A. (Hrsg.). (2006).
      Handbuch Kindeswohlgefährdung nach §1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD).
      Beltz Juventa.
      → Warnt davor, Kinder mit Kontaktabbrüchen in Einzeltherapie zu schicken, da dies
      den Loyalitätskonflikt verschärfen kann.

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