lostKIDz | 11. Dezember 2025 | 0 Comments

Paradoxes Stigma?!

Seelische Störungen sind sehr häufig, aber trotzdem existiert ein starkes Stigma, das Betroffene oft daran hindert, offen darüber zu sprechen oder Hilfe zu suchen. Es existiert nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu psychische Krankheiten zu thematisieren. Warum ist das auch heute noch so?

Stigmatisierung wird fast ausschließlich aus sozialen Ängsten, Unwissenheit und überlieferte Mythen genährt:

Stigmatisierungsformen psychischer Erkrankungen


1. Fremdstigmatisierung (Public Stigma)

  • Definition: Negative Einstellungen, Vorurteile oder Diskriminierung durch andere Personen oder die Gesellschaft gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen.
  • Beispiele:
    • „Depressive Menschen sind schwach.“
    • Ablehnung im Arbeitsumfeld oder sozialer Ausschluss.
  • Folge: Soziale Distanz, Diskriminierung und Ausgrenzung.

Quelle: Corrigan, P. W., The impact of stigma on seeking mental health care, 2004. PubMed


2. Selbststigmatisierung (Self-Stigma)

  • Definition: Übernahme gesellschaftlicher Vorurteile durch Betroffene selbst, verbunden mit Scham, Schuldgefühlen oder geringem Selbstwert.
  • Beispiele:
    • „Wenn andere wissen, dass ich depressiv bin, werde ich abgewertet.“
    • Vermeidung von Therapie oder sozialen Kontakten.
  • Folge: Verzögerte Hilfe, Verschlimmerung der Symptome, soziale Isolation.

Quelle: Corrigan, P. W., Self-stigma of mental illness: Implications for self-esteem and self-efficacy, 2002. APA PsycNet


3. Fremdstigma durch Angst vor Stigmatisierung Nicht-Betroffener

  • Definition: Angst von Menschen ohne diagnostizierte psychische Erkrankung, selbst als „psychisch krank“ etikettiert zu werden.
  • Beispiele:
    • Verschweigen von Stress, Burnout oder emotionaler Belastung.
    • Vermeidung offener Gespräche über psychische Gesundheit.
  • Folge: Soziales Schweigen, Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Tabus.

Quelle: Link, B. G., & Phelan, J. C., Conceptualizing stigma, 2001. PubMed


4. Strukturelles Stigma (Structural Stigma)

  • Definition: Diskriminierung auf institutioneller oder gesellschaftlicher Ebene durch Gesetze, Regeln oder soziale Normen.
  • Beispiele:
    • Schwierigkeiten bei Jobbewerbungen aufgrund psychischer Erkrankung.
    • Ungleichheiten im Gesundheitssystem.
  • Folge: Reduzierter Zugang zu Ressourcen, verstärkte soziale Benachteiligung.

Quelle: Hatzenbuehler, M. L., Structural stigma and health inequalities, 2016. PubMed


5. Meta-Stigma (Stigma-by-Association / Courtesy Stigma)

  • Definition: Stigmatisierung von Personen, die mit Betroffenen in Beziehung stehen (Familie, Freunde, Kollegen).
  • Beispiele:
    • Partner oder Eltern von Menschen mit psychischen Erkrankungen werden ebenfalls sozial ausgegrenzt.
  • Folge: Soziale Isolation und Belastung auch bei Nicht-Betroffenen.

Quelle: Green, S. A., Courtesy stigma: Stigma by association, 2003. ResearchGate


6. Selbstschutz-Illusion durch Selbststigma (Fehlwahrnehmung)

  • Definition: Betroffene glauben, Selbststigma sei ein Schutzmechanismus vor gesellschaftlicher Abwertung.
  • Fakt: Selbststigma schützt nicht, sondern verstärkt psychische Belastung, Isolation und Tabuisierung.
  • Folge: Verzögerte Hilfe, Verschlimmerung von Symptomen, soziale Isolation.

Quelle: Corrigan, P. W., & Watson, A. C., Understanding the impact of stigma on people with mental illness, 2002. PubMed

 

Doch was macht die Aufklärung über Krankheiten, insbesondere seelischen Krankheiten so kompliziert. Maßgeblich ist das individuelle Abwehrverhalten (= „defensive avoidance“) dafür verantwortlich. Es umfasst:

  • Ignorieren

  • Bagatellisieren

  • Vermeiden von Informationen

  • Vermeiden von Gesprächen

  • Ablehnung von Aufklärung

  • „Hat doch jeder mal“-Argumente

Der banale Grund ist: Informationen über psychische Erkrankungen bedrohen das Selbstbild der Nichtbetroffenen.


🔥 1. Bedrohung des Selbstkonzepts

Viele Menschen sehen psychische Erkrankungen als Zeichen von „Schwäche“.
Wenn sie darüber lernen sollen, könnte das bedeuten:

  • „Das könnte mir passieren.“

  • „Ich bin auch nicht immer stabil … vielleicht betrifft es mich.“

  • „Ich könnte selbst in diese Kategorie fallen.“

→ Das erzeugt kognitive Dissonanz:
„Ich bin gesund“ vs. „Ich erkenne mich in den Symptomen wieder.“

Lösung der Menschen:
Thema wegschieben, statt Erkenntnis zulassen.


🔥 2. Angst vor Stigmatisierungsnähe

Aufklärung bedeutet:
„Ich beschäftige mich mit psychischen Problemen.“

Viele Nichtbetroffene denken unbewusst:
„Wenn ich mich damit beschäftige, sehen andere mich auch als psychisch belastet.“

Das ist Stigma-by-association.
Sie vermeiden Wissen, um nicht in die Nähe der stigmatisierten Gruppe zu geraten.


🔥 3. Emotionale Überforderung (Angstabwehr)

Psychische Erkrankungen konfrontieren Nichtbetroffene mit:

  • Kontrollverlust

  • Verletzlichkeit

  • Zerbrechlichkeit

  • Sozialen Krisen

  • Existenzangst

Diese Themen sind emotional schwer auszuhalten.

→ Abwehrmechanismus:
„Ich will darüber nichts wissen.“


🔥 4. „Just-World“-Denken

Viele Menschen glauben an eine „gerechte Welt“:

  • Gute Menschen bleiben stabil.

  • Wer psychisch krank wird, hat etwas „falsch gemacht“.

Wenn sie erfahren, dass
psychische Erkrankungen jeden treffen können,
entsteht Dissonanz.

Also schützen sie ihren Glauben an Kontrolle:

Abwehr von Informationen.


🔥 5. Bedrohung ihrer eigenen Coping-Strategien

Wenn Betroffene edukieren wollen, prallt das oft auf Nichtbetroffene, die glauben:

  • „Ich komme doch auch klar.“

  • „Einfach zusammenreißen!“

  • „Ich schaffe alles selbst.“

Fakten würden dieses Selbstbild erschüttern.

→ Abwehr statt Lernen.


🔥 6. Vermeidung negativer sozialer Konsequenzen

Offene Gespräche über psychische Erkrankungen sind für viele „sozial riskant“.

Nichtbetroffene denken:

  • „Wenn ich mich damit beschäftige, fragen andere, ob es mir schlecht geht.“

  • „Das wirkt so, als hätte ich ein eigenes Problem.“

→ Um soziale Missverständnisse zu vermeiden:
Thema vermeiden.


🔥 7. Unbewusster Protektionismus: „Ich muss mich nicht damit befassen.“

Viele glauben:

  • „Das betrifft mich nicht.“

  • „Das ist ein Spezialthema.“

  • „Ich kenne keinen, der so etwas hat.“

→ Information wird als unnötig oder störend empfunden.

Man nennt das:
motivierte Ignoranz.


Kurzform: Warum Nichtbetroffene kein Edukationsinteresse haben

Weil Aufklärung über psychische Erkrankungen …

✔ das Selbstbild bedroht
✔ die Verletzlichkeit sichtbar macht
✔ die eigene Stabilität infrage stellt
✔ soziale Risiken erhöht
✔ kognitive Dissonanz erzeugt
✔ Angst vor Stigmatisierungsnähe auslöst
✔ unangenehme Emotionen hervorruft
✔ die Illusion der Kontrolle zerstört

→ Resultat: Abwehr, Distanz, Bagatellisierung, Vermeidungsverhalten.

Es wird deutlich, wie sehr unsere eigenen Einstellungen und Wahrnehmungen unser Verhalten bestimmen. Aufklärung und Information und Konfrontation werden nichts bewirken, wenn sie nur punktuell erfolgen. Ein gesellschaftliches Umdenken ist nötig und der Ansatz muss früh erfolgen – spätestens in der Schule. Denn Stereotype aus der Vergangenheit (“Irrenanstalten”) sind heute noch sehr mächtig und meinungsbestimmend. Doch dazu mehr in einen anderen Beitrag.

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