lostKIDz | 11. Januar 2026 | 0 Comments

Seelische Störungen: Ein Problem des Verstehens

Seelische Störungen sind für viele Menschen schwer verständlich, schwer greifbar und wirken diffus, weil sie an mehreren fundamentalen Grenzen menschlichen Verstehens gleichzeitig rühren: an der Grenze von Sprache, an der Grenze von Sichtbarkeit, an der Grenze von Kausalität und an der Grenze unseres Selbstbildes.

1. Die Grenze der Sichtbarkeit und Messbarkeit

Der Mensch ist epistemologisch stark visuell und objektorientiert geprägt. In Medizin und Naturwissenschaften gilt seit dem 19. Jahrhundert das Paradigma: Was real ist, muss lokalisierbar, messbar und reproduzierbar sein (Foucault). Psychische Störungen entziehen sich diesem Zugriff. Zwar gibt es neurobiologische Korrelate, doch kein einzelnes „Defektzentrum“, das Depression, Borderline oder Schizophrenie eindeutig erklärt.

Karl Jaspers beschrieb bereits 1913 in seiner Allgemeinen Psychopathologie, dass psychisches Erleben nur begrenzt erklärbar (Erklären) und vor allem verstehbar (Verstehen) ist. Dieses Verstehen ist jedoch subjektiv, nicht objektivierbar. Genau hier entsteht Diffusität: Was nicht sichtbar ist, erscheint weniger real – obwohl es existenziell wirksam ist.

2. Sprache als unzureichendes Medium

Seelisches Leiden ist fragmentiert und erscheint oft widersprüchlich. Zudem sind Gefühle wie innere Leere, Identitätsdiffusion oder existenzielle Angst oft nur unzureichend beschreibbar. Ludwig Wittgenstein formulierte treffend:

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Er sagt damit, dass die Sprache oft unzureichend ist, um das volle innere Erlebnis zu fassen. Für Außenstehende entsteht dadurch ein Erklärungsdefizit. Betroffene greifen zu Bildern („wie Watte im Kopf“, „innerlich zerrissen“), die zwar emotional, aber nicht präzise sind. Die Psychologie spricht hier von einem hermeneutischen Bruch: Das Erleben kann nicht direkt übertragen werden (Schmidt, 2008).

3. Individuelle Ausprägung statt linearer Logik

Psychische Störungen folgen keiner linearen Ursache-Wirkungs-Logik. Sie entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von biologischen Dispositionen, frühen Beziehungserfahrungen, Traumata, sozialen Bedingungen und aktuellen Belastungen (biopsychosoziales Modell nach Engel).

Zwei Menschen mit derselben Diagnose können gegensätzliche Symptome zeigen. Das widerspricht unserem Bedürfnis nach Ordnung und klaren Kategorien. Diagnosesysteme wie DSM-5 oder ICD-11 versuchen zwar zu strukturieren, sind aber selbst Konstrukte mit unscharfen Rändern. Diese Unsicherheit überträgt sich auf die gesellschaftliche Wahrnehmung.

4. Bedrohung des Identitätskonzepts

Seelische Störungen betreffen nicht ein isoliertes „Organ“, sondern das Zentrum des Selbst: Denken, Fühlen, Beziehungsgestaltung, Moral, Impulskontrolle. Damit erschüttern sie das westliche Ideal eines autonomen, rationalen Subjekts.

Hannah Arendt beschrieb Rationalität als Grundlage sozialer Anerkennung. Wer psychisch leidet, wirkt aus dieser Perspektive „unzuverlässig“ oder „nicht ganz zurechnungsfähig“. Das erzeugt Distanz. Nicht aus Bosheit, sondern aus Angst vor Kontrollverlust.

5. Historische Moralisierung und Stigmatisierung

Psychische Erkrankungen wurden historisch lange moralisch gedeutet: als Schwäche, Sünde oder Willensmangel. Diese Denkweisen sind kulturell tief verankert. Auch moderne Gesellschaften reproduzieren sie subtil, etwa durch Leistungsnormen oder Selbstoptimierungsdiskurse.

Erving Goffman zeigte in Stigma (1963), dass Abweichungen von Normen nicht nur medizinisch, sondern sozial sanktioniert werden. Seelische Störungen bedrohen soziale Erwartungen – deshalb werden sie verharmlost, individualisiert oder pathologisiert, statt verstanden.

6. Abwehrmechanismen der Gesunden

Psychisches Leiden konfrontiert uns mit einer unbequemen Wahrheit: Stabilität ist kein Verdienst, sondern oft Zufall. Trauma- und Vulnerabilitätsforschung zeigen, wie schmal der Grat zwischen „gesund“ und „krank“ ist.

Unverständnis dient hier als psychischer Schutzmechanismus. Wer glaubt, Depression sei „Einstellungssache“, schützt sich vor der Erkenntnis, selbst verletzlich zu sein. Das erklärt die emotionale Härte vieler Reaktionen besser als bloße Ignoranz.


Fazit

Seelische Störungen wirken nicht diffus, weil sie unklar oder irrational wären, sondern weil sie dort entstehen, wo unser Denken an seine Grenzen stößt: im Inneren, im Unsichtbaren, im Widersprüchlichen. Sie verlangen nicht nur Wissen, sondern eine Haltung: die Bereitschaft, Mehrdeutigkeit auszuhalten und den Menschen nicht auf Funktion oder Diagnose zu reduzieren.

  1. Jaspers, K. (1913/1973). Allgemeine Psychopathologie. Springer.

  2. Foucault, M. (1961). Wahnsinn und Gesellschaft. Suhrkamp.

  3. Engel, G. L. (1977). The need for a new medical model: A challenge for biomedicine. Science, 196(4286).

  4. Goffman, E. (1963). Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. Prentice-Hall.

  5. Wittgenstein, L. (1922). Tractatus Logico-Philosophicus.

  6. Schmidt, L. R. (2008). Psychotherapie verstehen. Springer.

  7. DSM-5-TR (2022). American Psychiatric Association.

  8. ICD-11 (2019). World Health Organization.

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